Thaynger Anzeiger, 7. Juni 2017. Vincent Fluck

Rückblick auf die ersten 150 Tage

Die neue Gemeinderätin Andrea Müller hat Einblick in die ersten Monate im Amt gegeben. Sie sprach auf Einladung des Vereins Wohnqualität Thayngen.

Vor einem Jahr ist Andrea Müller von der SVP-Ortspartei angefragt worden, ob sie sich als Gemeinderatskandidatin zur Verfügung stellen wolle. Zuerst habe sie abgewinkt, erzählte die 46-jährige am Dienstag vor einer Woche den Mitgliedern des Vereins Wohnqualität Thayngen. Beim zweiten Mal jedoch, von der Hartnäckigkeit der Anfragenden beeindruckt, habe sie zugesagt. Gesetzt war sie indes noch nicht. Mit knappem Vorsprung und
mit Glück habe sie die Nomination dann aber doch geschafft. Bei den Wahlen vom 23. Oktober wurde sie vom Stimmvolk als Nachfolgerin von Alex Muhl gewählt.

Seit Anfang Jahr ist Andrea Müller nun im Amt. Zu Beginn habe sie unruhig geschlafen und sich gefragt: «Warum tue ich mir das an, wenn ich es doch nie allen recht machen kann?» Inzwischen sehe sie das Ganze etwas gelassener. Schlaflose Nächte bereite ihr jetzt die Tatsache, dass auf Gemeindeebene vieles vorgegeben sei und sich nicht ändern lasse. Die Bereiche Schule und Soziales bezeichnete sie als ihr Lieblingsressort. Die Arbeit sei abwechslungsreich und bereite Freude. «Die Wochen sind extrem schnell vorbei gegangen.»

Als aktuelle Themen aus der Schule erwähnte die Gemeinderätin das Unicef-Label «Kinderfreundliche Gemeinde» und die Tagesschule. Dem Label sei sie anfänglich skeptisch gegenüber gestanden, sehe das nun aber anders. Noch vor den Sommerferien werde die Arbeitsgruppe dem Gemeinderat ein Massnahmenpaket überreichen. Und die Übergabe des Labels sei an der Chilbi im November geplant. Mit der Erneuerung der Spielgeräte beim Silberbergkindergarten sei eine erste Massnahme bereits umgesetzt worden. Zudem werde nächstens im Silberberg der öffentliche Spielplatz auf Vordermann gebracht. Die zur Labelerteilung gehörende Umfrage habe ergeben, dass eine schöne Badi einen hohen Stellenwert hat. «Leider haben wir in Thayngen noch andere Baustellen», so die Schulreferentin. Das schränke den Handlungsspielraum ein.

Bei der Tagesschule frage es sich, ob Hofen der richtige Standort sei. Die Mittagsbetreuung der Reiatschule werde wohl nachgefragt, die Tagesstruktur jedoch kaum. Als Alternative sei die Schule Silberberg denkbar. Dabei stelle sich allerdings die Frage, wie viele finanzielle Mittel die Gemeinde für die
Lebensqualität ausgeben wolle.

Aus dem Bereich Soziales nannte Andrea Müller die momentan überlastete Berufsbeistandschaft. «Viele Fälle haben an Brisanz zugenommen», sagte sie. Im Asylbereich sei die Gemeinde gut aufgestellt. Zurzeit seien 19 Männer, 9 Frauen und 1 Kind da – mehrheitlich aus Eritrea und Sri Lanka.

Es ist nicht zu überhören: Andrea Müller, geborene Studer, stammt aus Zürich. «Ich bin eine echte Stadtpflanze», sagte sie schmunzelnd. Aufgewachsen sei sie in Unterstrass als Tochter einer Lehrerin und des Betreibers eines Lebensmittelladens. Einen bedeutsamen Teil ihrer Freizeit habe sie auf dem Ponyareal beim Bucheggplatz verbracht. Später habe sie sich bei Siemens-Albis zur Maschinenzeichnerin ausbilden lassen. Weitere Berufstationen: das Amt für Raumplanung, wo sie sich mit dem Kantonalen Richtplan auseinandersetzte; der Verkaufsinnendienst einer Firma, die sich mit Motoren und Kupplungen befasste (das Verkaufen liege ihr familienbedingt im Blut); das internationale Shop-Controlling bei der Modekette
Hugo Boss in Glattbrugg.

Vor 14 Jahren kam Andrea Müller nach Thayngen. Nach zwei Jahren Pendeln hatte sie die Nase voll und liess sich zur Meisterbäuerin ausbilden. Heute sei sie neben ihrem Mann gleichwertige Betriebsleiterin. «Manchmal vermisse ich die Promis», blickt die Mutter dreier Kinder auf die Zeit bei der Modekette zurück, «retour möchte ich aber nicht.» Arbeiten, wo man wohne, sei für sie Lebensqualität.

Ziel: Energieautarke Gemeinde
Für ihre Arbeit als Gemeindepolitikerin skizzierte Andrea Müller drei Leitgedanken. Thayngen müsse sich erstens als energieautarke Gemeinde
positionieren. Zweitens sei Kommunikation in der Beziehung zwischen Bevölkerung und Behörden sehr wichtig. Drittens sagte sie in Abwandlung eines Zitats von US-Präsident John F. Kennedy: «Frage nicht, was deine Gemeinde für dich tun kann, sondern was du für deine Gemeinde tun kannst.»

 

Kasten zur Jahresversammlung: Bezüglich Zementi Süd «auf Stand-by»
Im Anschluss an den Vortrag von Andrea Müller hielt der Verein Wohnqualität Thayngen seine Jahresversammlung ab. Unter anderem
wurden die Vorstandsmitglieder von den knapp 30 anwesenden Mitgliedern wiedergewählt.
Es handelt sich dabei um Paul Ryf (Präsident), Aldo Künzli (Vizepräsident), Josef Hagen (Kassier), Hans Zahler (Aktuar), Andreas Schiendorfer (Öffentlichkeitsarbeit), Peter Marti und Vito Rinaldi. Ruedi Fuchs amtet als Revisor.

Die Einnahmen des letzten Jahres, die zu einem Drittel aus Mitgliederbeiträgen und zu zwei Dritteln aus Spenden bestanden, erlaubten einen
Vermögenszuwachs.

Dem Jahresbericht des Präsidenten war zu entnehmen, dass man bezüglich Zementi Süd auf «Standby» sei (zurzeit ist der
Quartierplan in Arbeit). Die juristischen Messer seien aber gewetzt. Die Lastwagenfahrten zum Industrieareal bewegten sich auf hohem Niveau; man habe beobachtet, dass ausländische Lastwagen während der Fahrverbotszeit auf dem Areal pausieren. Seit kurzem seien nachts zudem Rangierfahrten mit Bahnwagen zu hören.

Die Ebringerstrasse entwickle sich für die Anwohner je länger, je mehr zum Albtraum. Inzwischen hätten nicht nur Einheimische, sondern auch Fernreisende die Alternativroute über die Grenze für sich entdeckt. Der Gemeinderat habe Abhilfe in Aussicht gestellt.

Mit Befremden nahm der Präsident zur Kenntnis, dass die Mehrheit der Thaynger bei der Abstimmung vom 21. Mai gegen die Energiestrategie 2050 war. Provokativ und in Anspielung auf die Nein-Werbung fragte er: «Sind die Thaynger ein Volk von Warmduschern?»

Der Verein, der sich für die Lebensqualität in der Gemeinde einsetzt und rund 50 Mitglieder zählt, will den Kontakt zur Bevölkerung intensivieren. Unlängst hat er unter wohnqualitaet-thayngen.ch eine Homepage aufgeschaltet.

Nach dem offiziellen Teil, der im Ratskeller stattfand, lud der Verein zum Apéro ein. Backfreudige Hände hatten für salzige und süsse Leckereine gesorgt.

Bildlegende: Gemeinderätin Andrea Müller wusste mit ihrem eloquentem Referat sehr zu gefallen; rechts Vereinspräsident Paul Ryf. Aufnahme Vincent Fluck.