Auf den Hund gekommen

In Thayngen auf den Hund gekommen

Selbst wenn man kein weidendes Rentier gefunden hätte, würde das Kesslerloch zu den schützenswerten archäologischen Fundstätten der Welt gehören.

Über Jahrtausende hinweg wird das Kesslerloch jeweils im Frühjahr von einer Gruppe Magdalénien-Menschen als Basislager genutzt, um Rentiere auf ihrem Weg in die Setzgebiete mit der Speerschleuder zu erlegen. Der Speisezettel ist, zumindest in der Theorie, reichhaltig. Es sind über 50 verschiedene Tierarten nachgewiesen, darunter Mammut, Wildpferd, Bison, Höhlenbär, Höhlenlöwe, Wildschwein und Wolf. In einer ersten Besiedlungsphase kommen Wollnashorn und Moschusochse dazu. Daneben wimmelt es von kleineren Tieren wie Schneehase, Schneehuhn, Murmeltier, Schwan, Fischotter und Biber.

«Die Rentierjäger des Fulachtales pflegen wir als Sammler und Jäger zu betrachten. Ihre mannigfaltigen Jagdmethoden zeigen eine überraschende Vollkommenheit, wobei allerdings der Hund fehlte, der erst später dem Menschen zur Hilfe kam», lesen wir in der 1963 erschienenen «Geschichte von Thayngen», doch Professor Walter Ulrich Guyan, damals eine Kapazität auf seinem Gebiet, irrt entscheidend. 2012 überraschte nämlich der Tübinger Archäologe Hannes Napierala die Öffentlichkeit mit der sensationellen Meldung, der älteste Hund der Welt sei in Thayngen gefunden worden. Und stolz dürfen wir vermerken, dass seine im renommierten «International Journal of Osteoarchaeology » publizierten Erkenntnisse bislang nicht widerlegt werden konnten.

Der älteste Hund – ist das denn wirklich von Bedeutung? Dazu ein erhellendes Zitat aus der Begleitpublikation der Bonner Ausstellung «Eiszeitjäger. Leben im Paradies. Europa vor 15 000 Jahren» (Oktober 2014 bis Juni 2015): «Damit stellt der Hund das erste vom Menschen domestizierte Tier dar – und dies mehr als 5000 Jahre bevor Prozesse der Sesshaftwerdung einsetzten, in deren Zuge weitere Tiere domestiziert wurden, wie beispielsweise Rind, Schwein oder Pferd. Es ist wahrscheinlich, dass die eiszeitlichen Jäger und Sammler im Hund nicht nur einen Begleiter bei der Jagd und Beschützer vor Raubtieren fanden, sondern auch einen treuen Gefährten fürs Leben – eine beeindruckende Beziehung über die Artengrenze hinaus, welche bis zum heutigen Tage fortbesteht.»

Mit anderen Worten: Beim Kesslerloch, nicht etwa im Nahen Osten, in Vorderasien oder in Afrika, finden wir das weltweit erste domestizierte Tier, den ersten treuen Gefährten des Menschen.

Andreas Schiendorfer
Dieser Artikel erschien erstmals am 25. August 2015 im “Thaynger Anzeiger”

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